Romamusik

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Musik der Roma und Sinti ist, abhängig von den verschiedenen Regionen und Ländern, in denen Roma leben, grundsätzlich sehr unterschiedlich.

Die Geschichte der Musik der europäischen Roma ist geprägt von der Anpassung an die sehr unterschiedlichen jeweiligen mehrheitsgesellschaftlichen Musik- und Unterhaltungsbedürfnisse, weil sie stets vor allem dem Lebensunterhalt zu dienen und auf die mehrheitsgesellschaftlichen Hörer einzugehen hatte. So entwickelten sie in eigenen Bearbeitungen vor allem eine beliebte Unterhaltungsmusik, die stets in hohem Maße von der Umgebungskultur beeinflusst war.


Inhaltsverzeichnis

Allgemeines

Der Sammelbegriff „Zigeunermusik“ (ital. musica gitana, engl. gypsy music, franz. musique tzigane), wie er sich z. B. in Musiklexika findet, behauptet allgemeine gemeinsame Merkmale der Musik von Sinti und Roma. Er geht von grundlegenden Gemeinsamkeiten des Vortrags[1] sowie der Harmonik und Melodik [2] der unterschiedlichen Musikstile in den unterschiedlichen Regionen aus. Er führt zu einer falschen Vereinheitlichung und ist insofern fragwürdig. Die heutige Musikwissenschaft hat sich aus dieser Blickweise gelöst. Sie weist darauf hin, "dass der Begriff 'Zigeunermusik' eine diffuse Sanmmelbezeichnung für eine Vielzahl musikalischer Strömungen" sei.[3]

„Die Musik der Roma ist so vielfältig, dass man von einer eigentlichen Roma-Musik nicht sprechen kann. Genauso heterogen wie die verschiedenen Roma-Gruppen ist auch deren Musik.“[4] „Von einheitlichen Merkmalen in Harmonik oder Melodik kann kaum ausgegangen werden. Liedern slowenischer Roma liegen zum Beispiel Dur-Tonleitern zugrunde, während serbische Vlach-Roma modale Leitern verwenden, und die Musik der Roma in Mazedonien und Südserbien häufig auf der phrygischen Skala beruht.“[5]

„In dem Moment in welchem ein Zigeuner ein Musikstück eines Nichtzigeuners aufführt […], wird dieses Stück ein Zigeunermusikstück.“ [6]

„Charakteristische Gestaltungselemente“ der Roma-Musik sind die „spontane Neugestaltung vorgegebener Formen und Elemente der Interpretation. Im Vokalbereich sind dies die Parlando-Rubato-Ausführung und die variierte Gestaltung der Melodie, häufig verbunden mit spezifischer Ornamentik, sowie im Bereich der Stimmgebung eine oft kräftige Intonation mit Schleifern, Vorschlägen, 'zu hoch' oder 'zu tief' gesungenen Tönen und Vibrati.“ [7]

"Die wesentlichen Elemente" des Gypsy-Grooves, wie er für west- und mitteleuropäische Roma-Musik, vor allem für von Roma gespielten Jazz, charakteristisch ist, sind "ein einfacher Wechselbass (in D-Moll also d-a-d-a in Vierteln) und vor allem eine Achtelpulsation mit einem Klangfarbenwechsel zwischen erstem und zweitem Achtel. Je nach Klangfarbe und Akzent des zweiten Achtels ist der ... typische 'schnelle Nachschlag' zu vernehmen."[8]

Albanien

Albanische Romamusik wird Tallava genannt und hat einen stark orientalischen Einfluss. Die Trommel Davul spielt eine wesentliche Rolle.

Bulgarien

Die Musik der bulgarischen Roma ist infolge der langen osmanischen Herrschaft über das Land stark türkisch geprägt. Es gibt vor allem Blaskapellen und Gruppen, die bulgarische Hochzeitsmusik spielen.

Mazedonien

Mazedonische Roma spielen häufig Koumpaneia und Tschalga. International bekannt sind das Original Kocani Orkestar und die Sängerin Esma Redzepova.

Frankreich

Die französischen Roma sind vor allem durch die Rumba-Musik bekannt. Die aus Südfrankreich kommende spanischsprachige Band Gipsy Kings ist wohl die bekannteste Rumba- und Flamencogruppe. Die Gipsy Kings leben heute in Katalonien. Der aus Belgien stammende, französischsprachige Sinto Django Reinhardt war einer der einflussreichsten Jazz-Musiker.

Griechenland

Für die Romamusik in Griechenland sind Duos mit Zurna und Davul typisch. Wie in Mazedonien spielt die Koumpaneia-Musik eine wichtige Rolle. Bekannte griechische Romamusiker sind Kostas Pavlidis und Yianni Saleas.

Rumänien

Rumänische Romamusiker, die Lautari genannt werden, spielen meist Taraf-Musik. Die typische Besetzung einer Taraf-Gruppe ist Geige, Cimbalom, Akkordeon und Kontrabass. Bekannte Gruppen sind Taraf de Haidouks und Fanfare Ciocărlia. In den 1960er Jahren war die Sängerin Romica Puceanu sehr berühmt, die mit ihren Cousins, den Brüdern Gore (Akkordeon und Geige) musizierte. Der in Österreich lebende Pianist und Komponist Adrian Gaspar vertritt die jüngste Generation der europäischen Roma-Musik.

Seit einigen Jahren ist auch die überwiegend von Roma-Musikern gespielte Manele-Musik in Rumänien sehr beliebt, besonders unter den Jugendlichen. Ein bekannter Musiker ist u.a. Adrian Copilul Minune.

Russland

Roma waren im russischen Musikleben seit Katharina der Großen stark vertreten. Eine stark romantisierte Form der Romamusik war im 19. Jahrhundert sehr populär. Dies führte zur Auswanderung vieler russischer Romamusiker. Bekannte russische Romamusiker sind Jean Goulesco und Pyotr Leschenko.

Serbien

Die Roma Serbiens, die speziell in der Stadt Guča und im Distrikt Dragačevo leben, spielen Blasmusik, die tief in der Militärmusik des Osmanischen Reiches verwurzelt ist. Das Boban Marković Orkestar zählt zu den international bekanntesten Gruppen aus dieser Region. Die serbische Romamusik wurde vor allem durch das von Goran Bregović interpretierte Lied "Ederlezi" bekannt, das Emir Kusturica im Soundtrack zu seinem Film Time of the Gypsies verwendet hat. Vor allem die Sänger Šaban Bajramović aus Niš und Zvonko Demirović aus Leskovac sind über die Landesgrenzen hinaus bekannt.

Spanien

Neben den ungarischen haben besonders die spanischen Roma (Kalé) eine eigene musikalische Tradition entwickelt, die auf Stilelementen spanischer und orientalisch-maurischer Musik aufbaut. Der Cante jondo und Cante flamenco sind zwei Spielarten ihrer Musik. [9] [10]

Spanische Romamusik, die Flamenco-Musik, ist weltweit bekannt. Ursprünglich kommt der Flamenco aus Andalusien, hat sich jedoch in ganz Spanien verbreitet. So gibt es auch Bands aus anderen Regionen wie z.B. in Katalonien, wo die Gipsy Kings leben. Flamenco ist nicht nur eine Musikform, sondern auch ein Tanz und ist für Andalusien typisch.

William-Adolphe Bouguereau: Zigeunermädchen mit Tamburin (1867)

Der im 18. und 19. Jahrhundert in Andalusien entstandene Flamenco wird weithin als Musik der Kalé definiert, obwohl sich in ihm Einflüsse verschiedener Kulturen vereint haben. In der Musik der Romantik wurden nicht zwischen der Musik der spanischen Mehrheitsbevölkerung der der spanischen Gitanos unterschieden. Die klischeehafte Gleichsetzung der andalusischen Musik mit der der „Zigeuner“ hält bis ins 21. Jahrhundert an.

Türkei

Die Romamusiker in der Türkei treten meist in Nachtclubs und Restaurants auf und sind in der ganzen Türkei anzutreffen. Bekannt für die türkische Romamusik ist die Fasil-Musik und die Bauchtanzmusik. Fasil-Musik ist eine Art der klassischen Musik. Dominiert wird diese von der Klarinette, Violine, Kanun, Darbuka (Trommel) und dem Ud, einer Laute und der Cümbüş, einem Banjo. Bekannte türkische Roma sind die Erköse-Brüder und Mustafa Kandıralı, Kibariye.

Ungarn

Die ungarische Volksmusik wurde außerhalb Ungarns im 19. Jahrhundert weitgehend mit der Musik der Roma gleichgesetzt. Bereits 1489 sind Musikgruppen der Roma in Ungarn nachgewiesen,[11] virtuose Zigeunerkapellen in den Städten vor allem des späteren Österreich-Ungarn entstanden im 18. Jahrhundert und prägten das Bild von der ungarischen Musik. Diese Kapellen bestanden aus drei bis acht Musikern und waren zunächst Streichergruppen mit Solo-Violine und Hackbrett bzw. Cymbal, typische Instrumente dieser Musik, später kamen auch Klarinette und Blechblasinstrumente hinzu.[12] Die bekannteste Tanzform ist die des ungarischen Nationaltanzes Csárdás (von ungar. csárda – Wirtshaus).

Der ungarische Rom Janos Bihari (1764–1827) stand Anfang des 19. Jahrhunderts als Komponist in hohem Ansehen. Seine Kompositionen halten sich an das Schema der Musik der ungarischen Roma (Verbunkos), und variieren bzw. parodieren diese. [13]. Weitere Vertreter dieser Musik waren Antal Csermák und Janos Lavotta. [14]

Vor allem im damaligen Österreich lebende Komponisten schufen Musik, die von der Musik der ungarischen Roma inspiriert war. Schon Haydn, Beethoven und Schubert waren davon beeinflusst. [15] Franz Liszt verfasste ein eigentlich als Vorwort zu seinen Ungarischen Rhapsodien geplantes Buch Des Bohémiens et de leur musique en Hongrie, dt. Über die Zigeuner und ihre Musik in Ungarn, 1859), in dem er die Zigeunermusik zur Grundlage eines ungarischen musikalischen Nationalepos erhob.[16]

Takt 43 und 44 (ohne linke Hand) aus Liszts Ungarischer Rhapsodie Nr. 2 ( Hörbeispiel ?/i)

Einige der bekanntesten ungarischen Zigeunerkompositionen stammen von Johannes Brahms (Ungarische Tänze bei denen die Themen von dem Geiger Eduard Reményi stammen welche dieser wiederum von anderen Komponisten ungarischer Folklore dieser Epoche übernahm ( Hörbeispiel ?/i), Zigeunerlieder opp. 103 und 112) und Johann Strauß, der in seiner Fledermaus (1874) einen der berühmtesten Kunst-Csárdás komponierte und mit dem Zigeunerbaron (1885) auch eine der ersten Zigeuner-Operetten schuf. Die Komponisten bedienten sich hierbei neben den Tanzrhythmen, typischen Instrumenten, Spielweisen und Verzierungen der ungarischen Musik vor allem osteuropäischer Tonleitern, besonders der Zigeunermoll genannten, die einer harmonischen Moll-Tonleiter mit erhöhter 4. Stufe entspricht. So imitiert Liszt in der Ungarischen Rhapsodie Nr. 2 auf dem Klavier den rauschenden Klang, die Tremoli und die raschen Figurationen des Zymbals. [17] Auch zwei spanischstämmige Komponisten schrieben Werke die sich an die Musik der ungarischen Roma anlehnen: Maurice Ravel mit der Komposition Tzigane (1924), und Pablo de Sarasate mit seinen Zigeunerweisen op. 20 (1878), beides Werke für Violine und Orchester oder Klavier. In Sarasates Werk sind die rasanten Solo-Passagen der Violine hierbei auf der oben erwähnten Zigeunertonleiter aufgebaut.

Takt 3 bis 6 aus Sarasates Zigeunerweisen ( Hörbeispiel ?/i)

Komponisten der ungarischen Nationalen Schule bedienten sich ebenfalls solcher Zigeuner-Anklänge in ihren Werken, vor allem Ferenc Erkel, der Wegbereiter der nationalen ungarischen Kunstmusik. Erst die Komponisten und Volksliedforscher Zoltán Kodály und Béla Bartók, die zunächst auch das musikalische Zigeuner-Idiom für ihre Kompositionen verwandt hatten, „entdeckten“ später die Volksmusik der Mehrheitsbevölkerung für ihre Musik und lehnten die Gleichsetzung dieser Musik mit der der Minderheit ab.[18] Dennoch blieb dieses Klischee bis heute erhalten.

Neben Walzern und Mazurken im 19. Jahrhundert nahm die Musik der ungarischen Roma im 20. Jahrhundert auch moderne Tänze wie Foxtrott und Tango in ihr Repertoire auf.[19] Alla zingarese ist in der Musik ein Fachausdruck für die Spielanweisung „im Stil der Zigeunermusik“.

Die Lakatos-Dynastie dominiert diese Musik heute.

Rural Roma spielen eine wenig begleitete Musikform. Die gesungenen Lieder werden Loki Djili, die Tanzlieder Khelimaski Djili genannt.

Bekannte Musiker

Anmerkungen

  1. Brockhaus Riemann Musiklexikon, Band 2, Schott, Mainz, 1977, Seite 718
  2. Wulf Konold, Alfred Beaujean: Lexikon Orchestermusik - Romantik, Schott, 1989, Seite 397
  3. Marion A. Kaplan, Monika Richarz, Beate Meyer: Jüdische Welten, Wallstein, 2005, Seite 179.
  4. Christiane Fennesz-Juhasz: Musik der Roma - Zur aktuellen Quellenlage und zum Stand der Forschung, in: Dieter W. Halwachs und Florian Menz: Die Sprache der Roma. Perspektiven der Romani-Forschung in Österreich im interdisziplinären und internationalen Kontext, Klagenfurt, 1999, Seite 61 ff., zit. nach: [1]
  5. Siehe: Fennesz-Juhasz, Christiane (2003) Märchen und Lieder mittel- und südosteuropäischer Roma. Musikalische Charakteristika, in: Fennesz-Juhasz, Christiane / Cech, Petra / Halwachs, Dieter W. / Heinschink, Mozes F. (Hg.) Die schlaue Romni / E bengali Romni. Märchen und Lieder der Roma, Klagenfurt: Drava, zit. nach: [2]
  6. Svanibor H.Pettan: Gypsy Music in Kosovo - Interaction and Creativity, University of Maryland, Seite 244; Christiane Fennesz-Juhasz: Musik der Roma - Zur aktuellen Quellenlage und zum Stand der Forschung, in: Dieter W. Halwachs und Florian Menz: Die Sprache der Roma. Perspektiven der Romani-Forschung in Österreich im interdisziplinären und internationalen Kontext, Klagenfurt, 1999, Seite 79: "The moment a Gypsy performs a non-Gypsy tune that tune […] becomes a Gypsy tune"
  7. [3]
  8. [4], Hörbeispiel: [5].
  9. Brockhaus Riemann Musiklexikon, Band 2, Schott, Mainz, 1977, Seite 718
  10. Gerhard Steingress: Über Flamenco und Flamenco-Kunde, LIT, 2006, Seite 71
  11. Website des Cymblisten Cyril Dupuy
  12. Max Peter Baumann: „Wir gehen die Wege ohne Grenzen …“ – Zur Musik der Roma und Sinti
  13. Brockhaus Riemann Musiklexikon, Band 2, Schott, Mainz, 1977, Seite 718
  14. Brockhaus Riemann Musiklexikon, Band 1, Schott, Mainz, 1977, Seite 285
  15. dtv-Atlas zur Musik, Band 2, dtv, München, 1985, Seite 473
  16. (pdf) Vorwort zur Urtext-Ausgabe von Liszts 2. Ungarischer Rhapsodie bei Henle
  17. dtv-Atlas zur Musik, Band 2, dtv, München, 1985, Seite 473
  18. dtv-Atlas zur Musik, Band 2, dtv, München, 1985, Seite 473
  19. Brockhaus Riemann Musiklexikon, Band 2, Schott, Mainz, 1977, Seite 718

Literatur

Siehe auch

Weblinks

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