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Judenfeindlichkeit (auch Judenhass, Judenfeindschaft, Antisemitismus, gegebenenfalls Judenverfolgung) ist die pauschale Ablehnung der Juden und des Judentums. Dieses Phänomen ist seit etwa 2500 Jahren bekannt und hat besonders die Geschichte Europas über weite Strecken begleitet. Feindschaft gegen Juden reichte von Verleumdung, Diskriminierung und Unterdrückung über lokale und regionale Ausgrenzung, Verfolgung und Vertreibung bis hin zu dem Versuch der Ausrottung. Dieser fand in der systematischen, staatlichen Ermordung von gut zwei Dritteln aller europäischen Juden – dem Holocaust (1941–1945) – seinen bisherigen Höhepunkt.
BegriffeJudenfeindlichkeit ist ein allgemeiner, unspezifischer Oberbegriff für verschiedene Formen der Judenablehnung, deren Anlässe, Begründungen und Ziele sich erheblich unterscheiden und gewandelt haben. Für ihre rassisch, nicht religiös begründete Judenablehnung erfanden deutsche Judenfeinde um 1880 den Ausdruck „Antisemitismus“. Dieser spielte als politische Ideologie für die Entwicklung zum Holocaust eine wesentliche Rolle. Seit 1945 ist dieser Begriff in vielen Ländern seinerseits zum Oberbegriff für alle Formen dauerhafter Judenablehnung geworden. Auch die Antisemitismusforschung in Israel, Großbritannien und den USA verwendet ihn für Judenablehnung mit „eliminatorischen“ Zügen, die als langfristige Ursache des Holocaust gilt. Dies bezieht den von Judengegnern geprägten Begriff allerdings auch auf nichtrassistische Judenfeindlichkeit und unterstellt dieser so unter Umständen Ausrottungsabsichten, die nicht vorhanden waren. Der Allgemeinbegriff „Judenfeindlichkeit“ wiederum ebnet den Unterschied zu allgemeiner Fremdenfeindlichkeit ein und blendet Tendenzen, die Juden schon im Mittelalter als Abstammungsgemeinschaft betrachteten und wegen ihrer „Blutsverwandtschaft“ ausgrenzten, aus. Er erfasst auch nicht die besondere Ablehnung „des Jüdischen“, die ohne reale Juden funktioniert. Deshalb bezieht die deutschsprachige Forschung Antisemitismus weiterhin auf die besondere Strömung, die diesen Begriff für ihre Ziele erfand und benutzte und deren Ideologie in der Zeit des Nationalsozialismus zur Staatsdoktrin wurde. Im Unterschied dazu wird religiös begründete Judenfeindschaft meist als „Antijudaismus“, völkische Judenfeindschaft ab etwa 1789 als „Frühantisemitismus“ bezeichnet. Dabei sind die Abgrenzung dieser Begriffe und zugehörigen Epochen jedoch umstritten. Sofern die Ablehnung sich gegen den heutigen Staat Israel und sein Existenzrecht richtet, spricht man von „Antizionismus“. Dieser kann, muss aber nicht antisemitische Elemente enthalten oder verdecken. Dieses gilt auch für Judenfeindschaft in vom Islam geprägten Ländern; hier spricht man manchmal von einem „arabischen“ oder „islamischen Antisemitismus“. KontinuitätNach dem Zitat des Patriarchen aus Gotthold Ephraim Lessings Drama Nathan der Weise wurde Juden oft das Lebensrecht abgesprochen, bloß weil sie Juden sind: „Tut nichts, der Jude wird verbrannt.“ Dies drückt aus, dass prinzipielle Judenfeindlichkeit bei all ihren verschiedenen Begründungen letztlich zur Auslöschung des Judentums tendiert: indem man es zur überholten und „verworfenen“ Religion erklärte (christliches Mittelalter) oder einem allgemeinen humanen „Fortschritt“ zum Opfer bringen wollte (Aufklärung) oder zum Untergang im „Rassenkampf“ bestimmte (Nationalsozialismus). Auch die sprachlichen und bildlichen Darstellungen von Juden, etwa antijüdische Karikaturen, ähneln sich durch die Jahrhunderte stark: Sie waren als „Feinde der Menschheit“ (Antike), „Gottesmörder“, „Brunnenvergifter“, „Ritualmörder“, „Wucherer“ (Mittelalter und frühe Neuzeit), „Parasiten“, „Ausbeuter“, „Verschwörer“ und heimliche „Weltherrscher“ (ab 1789) immer die angeblichen Verursacher aller möglichen negativen Fehlentwicklungen und menschengemachten Katastrophen. Diese Stereotypen wirken allesamt bis in die Gegenwart hinein fort und kehren immer wieder. Sie haben sich über die Jahrhunderte als außergewöhnlich stabil und anpassungsfähig an neue Umstände erwiesen. Solche Judenbilder gelten daher auch als besonders typisches und wirkungsmächtiges Beispiel „für Bildung von Vorurteilen und politische Instrumentalisierung daraus konstruierter Feindbilder“ (Wolfgang Benz). AntikeHauptartikel: Antike Judenfeindschaft Die Großreiche der Antike – Ägypten, Assur, Babylonien, Persien, Griechenland, Rom – versuchten oft, den eroberten Völkern ihre Götter und Kultur aufzuzwingen. Dabei erlaubte der verbreitete Polytheismus ihnen oft einen Synkretismus: Neue Götter wurden in das eigene Pantheon aufgenommen oder man verehrte die alten Götter unter den Namen der Neuen weiter. Antike Religionspolitik war jedoch meist mit dem Gottkönigtum verbunden und von einem Staatskult überwölbt, um die unterworfenen Völker zu vereinheitlichen. Das Judentum sah sich seit seinen Anfängen von fremdem Völkern und ihren Göttern bedroht, denn es akzeptierte nur einen Gott als Schöpfer der ganzen Welt (Monotheismus). Die Juden verweigerten sich vielfach dem Polytheismus, Synkretismus und Gottkönigtum der antiken Umwelt und stellten damit die Wertorientierung umliegender Kulturen in Frage. Das führte zu einer Reihe von religiös-politischen Konflikten in und um die Reiche Juda und Israel. So versuchte schon der Seleukide Antiochus IV. um 170 v. Chr., den Zeuskult in Israel zu etablieren. Als dies unter den Makkabäern Widerstand auslöste, versuchte er, die Religion und damit Identität des Volkes Israel auszulöschen. Die neue Weltmacht Rom tolerierte zunächst die eigenständige Religionsausübung des Judentums mitsamt seinem Tempelkult. Doch in der römischen Kaiserzeit entstanden erneut Spannungen, die schließlich zum jüdischen Krieg führten. Er endete 70 n. Chr. mit der Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels. Damit verlor das Judentum sein religiöses und staatliches Zentrum. 135 nach dem Sieg über Simon Bar Kochba verboten die Römer Juden die Ansiedlung in Jerusalem und hoben die jüdische Teilautonomie Palästinas endgültig auf. In der Folgezeit verfestigten sich antijüdische Stereotypen gerade bei gebildeten Römern: Ihnen galten Juden als „Feinde des Menschengeschlechts“ (Tacitus). Mittelalter und frühe NeuzeitHauptartikel: Antijudaismus im Mittelalter, Antijudaismus in der Neuzeit Die zentralen Thesen und religiösen Deutungsmuster des christlichen Antijudaismus wie der „Christus-“ bzw. „Gottesmord“, der allen Juden Schuld am Tod Jesu gab, und die „Enterbung“ des Volkes Gottes zu Gunsten der Kirche (Substitutionstheologie) wurden mit verschiedenen Textstellen des Neuen Testaments begründet (siehe Antijudaismus im Neuen Testament). Diese dienten anfangs der Selbstbehauptung einer jüdischen Minderheit in Israel, wurden von der heidenchristlichen Mehrheit übernommen und seit 380 in eine Staatsreligion mit universalem Herrschaftsanspruch integriert. Im Mittelalter nahm die antijüdische Kirchenpolitik Züge einer systematischen Verfolgung an. Juden wurden nach erfolglosen Missionsversuchen zwangsgetauft, später ghettoisiert und dämonisiert. In Spanien, wo die Juden 1492 zwangsgetauft oder vertrieben wurden, bildete sich eine frühe ethnisch begründete Judenfeindschaft: Nur Christen, die dem von Tomás de Torquemada eingeführten Begriff der limpieza de sangre (spanisch für „Reinheit des Blutes“) entsprachen, das heißt nicht von Morisken oder Marranen abstammten, galten der Inquisition unter Torquemada und seinen Nachfolgern als unverdächtig. Die christliche Judenfeindlichkeit des Mittelalters dachte außerhalb Spaniens noch nicht in rassischen Kategorien, richtete sich aber gegen alle Juden als Nachkommen der „Mörder“ des Heilands. Im Kontext von sozialen Missständen, Kreuzzügen und Pest bzw. Schwarzem Tod führte der Aberglaube häufig zu Massakern (Pogromen) an Juden. Martin Luther empfahl 1543 in seiner Schrift Von den jüden und iren lügen die Ausweisung der Juden, Arbeitszwang und Verbot ihrer Religionsausübung. Diese Ablehnung bestimmte Theologie und Politik im Abendland bis zur Aufklärung und darüber hinaus. Sie prägt die Volksfrömmigkeit vielfach bis heute (siehe Antijudaismus in der Neuzeit). 1800 bis 1945
Deutsche Ausgabe der von Henry Ford herausgegebenen Schrift
Hauptartikel: Antisemitismus (bis 1945) Nach der Französischen Revolution 1789 entstanden überall in Europa nationale Einigungsbewegungen. Das 19. Jahrhundert brachte zwar auch die beginnende Jüdische Emanzipation in Europa, der Judenhass wirkte jedoch auch im aufgeklärten Bürgertum fort und suchte sich nun pseudowissenschaftliche Gründe. Ab etwa 1860 keimte der Rassismus auf. Auch Juden wurden nun als „Rasse“ definiert. Damit wurde der ältere Antijudaismus nicht abgelöst, aber umgeformt und überlagert. In vielen Staaten Europas, besonders im neuen Deutschen Kaiserreich (ab 1871), im zaristischen Russland, im Habsburger Vielvölkerstaat Österreich und in Frankreich bildete sich daraus eine politische Ideologie. Ein Konglomerat antiliberaler, ethnisch-national gesinnter Gruppen machte die Bekämpfung, Isolierung, Vertreibung und schließlich Vernichtung alles „Semitischen“ zu ihrem Programm. Gemeint waren die Juden. Antisemitismus und Rassismus bereiteten auch dem Nationalsozialismus den Boden, der zum staatlich organisierten Massenmord am europäischen Judentum (Holocaust) führte. Seit 1945Europäische JudenfeindlichkeitHauptartikel: Antisemitismus (nach 1945) Antijudaismus, Rassismus und Antisemitismus sind seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs keineswegs überwunden. Sie bestehen als latente, in Krisenzeiten aktivierbare Strömung in sämtlichen europäischen Ländern weiter und zeigen sich in letzter Zeit wieder verstärkt.[1] In Deutschland bestehen trotz Schulerziehung und medialer Aufklärung auch weiterhin antisemitische Strömungen. Diese äußern sich zum Beispiel in Gewaltakten gegen Synagogen oder Friedhofsschändungen:
Im Jahr 2005 veröffentlichte die Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) eine Arbeits-Definition von Antisemitismus. [3] AntizionismusHauptartikel: Antizionismus Die Judenfeindlichkeit in Europa und Russland führte Ende des 19. Jahrhunderts zur Schaffung einer jüdischen Bewegung, die eine unabhängige Heimstätte und die Erfüllung des Traums zur Rückkehr aus der jüdischen Diaspora in die biblische Heimat der Juden, Eretz Israel, zum Ziel hatte. Diese jüdische Nationalbewegung, die sich Zionismus nannte, führte nach den ersten Einwanderungswellen europäischer und russischer Juden nach Palästina (Alijot) zu Konflikten mit der britischen Mandatsmacht und dem arabischen Teil der palästinensischen Bevölkerung. Mit dem arabischen Aufstand 1936–39 begann der Widerstand palästinensischer Araber gegen die jüdische Besiedlung Palästinas und seit 1948 gegen die Existenz des Staates Israel. Der Staat Israel blieb auch in den folgenden Jahrzehnten ein Politikum, was sowohl in dem ungelösten Problem der im Palästinakrieg und im Sechs-Tage-Krieg vertriebenen palästinensischen und jüdischen Flüchtlinge als auch in einem weltweiten Krieg der Ideologien begründet lag. Wie sich schon in der arabisch-palästinensischen Ablehnung Israels die politisch-gesellschaftlichen Konflikte mit religiösen und in der Folge oft antisemitischen Stereotypen vermischt hatten, so vermischte sich auch die kritische Haltung der politischen Linken gegenüber dem vom „Westen“, insbesondere der USA protegierten Israel mit impliziten, teilweise aber auch expliziten Pauschal-Anfeindungen gegen die Juden.[4] Das Bindeglied dieser beiden Hauptströmungen des Antizionismus war die palästinensisch-sozialistische, 1964 gegründete PLO, die sich als Führungsriege der arabischen Palästinenser im Kampf gegen Israel etablieren konnte. Ihr langjähriger Anführer, Jassir Arafat, aber auch andere palästinensische Führungspersönlichkeiten unterschieden oft nur unzureichend zwischen Juden- und Israelfeindlichkeit.[5] Islamistische JudenfeindlichkeitHauptartikel: Antisemitismus in islamischen Ländern Islamistisch-palästinensische Bewegungen wie die Hamas, die insbesondere nach dem Zerfall des Arafat-Regimes Anfang des neuen Jahrtausends an Bedeutung gewannen, betreiben offene Judenfeindlichkeit, wie es u.a. in ihren Grundsatzprogrammen zum Ausdruck kommt.[6] Die arabisch-islamische Judenfeindlichkeit muss aus ihrer eigenen Geschichte heraus erklärt werden. So führte der Konflikt auf beiden Seiten zu ideologischen Verschärfungen und Verblendungen. Auch Kritik der politischen Linken an Israel kann nicht pauschal als judenfeindlich bezeichnet werden. Der frühe wie auch der moderne Antizionismus waren und sind jedoch anfällig für einen latenten, inhärenten Antisemitismus. Siehe auch
Literatur
Weblinks
Einzelnachweise
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