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Joe Zawinul, eigentlich Josef Erich Zawinul, (* 7. Juli 1932 in Wien; † 11. September 2007 in Wien) war ein österreichischer Jazz-Pianist, Keyboarder, Komponist, Bandleader und Arrangeur. Gemeinsam mit Miles Davis trug er Entscheidendes zur Stilrichtung des Electric Jazz bei, auch Jazzrock oder Fusion Musik genannt.[1] Zawinul ist nach Ansicht von Musikern und Kritikern der einzige europäische Musiker, der über längere Zeit in einer Hauptströmung des Jazz von prägender Bedeutung war.[2] [3] Er gilt als einer der sehr wenigen Keyboard-Spieler, die am eigenen Spiel und an einem warmen, natürlichen Klang erkennbar sind. Seine von ihm und Wayne Shorter geführte Gruppe Weather Report bezeichnete Josef Woodard in der Zeitschrift Down Beat im Januar 2001 als die „herausragendste Jazzband der letzten 30 Jahre des 20. Jahrhunderts“.[4]
Leben und WirkenJugendJosef Erich Zawinul war der Sohn des Arbeiters Josef Zawinul, dessen Mutter wiederum eine ungarische Sintiza war,[4] und dessen Vater aus Südmähren stammte. Seine Herkunft entsprach damit Verhältnissen, die als bescheiden bezeichnet werden, doch Zeit seines Lebens war Zawinul stolz auf seine multikulturell beeinflusste Familie und Verwandten, er sah sie als eine Gemeinschaft hart arbeitender, einfacher und liebenswerter Menschen an.[5] Zawinuls Vater arbeitete als Schlosser im städtischen Gaswerk in Wien, in seiner Freizeit spielte er Mundharmonika,[6] stemmte Gewichte und boxte, das Boxen sollte auch für seinen Sohn zur lebenslangen Passion werden. Die Mutter Maria, geb. Hameder, war eine Amateursängerin, sie spielte etwas Klavier und verfügte über das absolute Gehör. Sie arbeitete zunächst als Köchin bei dem großbürgerlichen, jüdischen Ehepaar Jocklich, von dem sie bis zu seiner Emigration nach Palästina stets in die Oper mitgenommen wurde. Diese musikalischen Erlebnisse weckten in ihr den Wunsch, dass auch ihr Sohn ein Musiker werden sollte.[7] Danach war sie als Postbedienstete tätig.[8] Josef („Pepe“) wuchs im Arbeiterviertel Erdberg des Wiener Gemeindebezirks Landstraße auf. Daneben hielt er sich oft in Oberkirchbach auf, einem kleinen Dorf mitten im Wienerwald, woher seine Mutter aus einer Familie von 16 Kindern kam. Mit sechs Jahren erhielt er ein kleines Akkordeon und auch Unterricht bei einem Musiklehrer. Bei seiner Familie und Verwandten hörte und sang er von früh an tschechische und slowenische Weisen, ungarische Sinti-Lieder, Polkas und Ländler, nun konnte er sie auch instrumental begleiten und ihnen den Takt vorgeben. Nach einem Dreivierteljahr erklärte sein Musiklehrer Zawinuls Mutter: „Frau Zawinul, ich kann dem Bub nichts mehr beibringen, der hat so viel Talent für Musik, der sollte eigentlich ins Konservatorium gehen.“[9] Als sich dabei herausstellte, dass er über das absolute Gehör verfügte, erhielt er einen Freiplatz (kostenlosen Unterricht) am damaligen Konservatorium der Stadt Wien. Er bekam Unterricht in Klavier, Violine und Klarinette. Damit bereitete er sich auf eine Karriere als klassischer Pianist vor, der er jedoch immer mehr nur aus Pflichterfüllung nachkam. Ab 1945 besuchte er das Realgymnasium in der Hagenmüllergasse (3. Bezirk), sein Klassenkamerad und enger Freund wurde Thomas Klestil, der später einmal zum Bundespräsidenten werden sollte. Freimütig erzählten später beide über gemeinsame Streiche wie etwa kostenlosen Besuchen im Freibad und im Kino.[10] [11] Einen tiefen Eindruck auf den jungen Zawinul hatte der Musical-Film «Stormy Weather» (1943) hinterlassen, in dem die Spitzenstars des schwarzen Entertainments auftreten: der Tänzer Bill „Bojangles“ Robinson, das Orchester von Cab Calloway, der Pianist Fats Waller, Dooley Wilson (bekannt als Sam aus Casablanca, 1942) und die Schauspielerin Lena Horne. Zawinul sah sich den Film 24 Mal an [12] und verliebte sich in die Hauptdarstellerin Lena Horne, die er auch heiraten wollte. Die Qualität des Films war nicht nur eine von Zawinul subjektiv erlebte, denn im Jahr 2001 würdigte die Library of Congress den Film als "kulturell wertvoll" und hielt ihn einer besonderen Aufbewahrung in der National Film Registry wert. 1977 benannte Zawinul eine Weather Report-LP «Heavy Weather». Modern JazzMit 12 Jahren hörte er zum ersten Mal Jazzmusik und war auf der Stelle davon gefangengenommen; ein Mitschüler seines Internats im „Sudetenland“ spielte am Klavier «Honeysuckle Rose». „Des war guad. Und i hab mir denkt, wow, des is was, des g’fallt mir.“ [13] Als Siebzehnjähriger brach er die intensiven Vorbereitungen zu dem Genfer Klavierwettbewerb 1949 unvermittelt ab und wandte sich dem Jazz zu. Ein Studienfreund aus jenen Tagen war Friedrich Gulda, den er 1951 kennenlernte.[14] Ab 1952 arbeitet er als Jazzmusiker mit anderen österreichischen Musikern zusammen. Nach ersten Erfahrungen unter anderem in der Combo von Vera Auer und bei Hans Koller wurde er 1954 mit Hans Salomon Mitbegründer der Austrian All Stars. Deren Plattenaufnahmen erfuhren auch durch Guldas Förderung eine internationale Anerkennung. 1955/56 wechselte er mit der gesamten Besetzung der Austrian All Stars in die Johannes Fehring Big Band. 1956 ging er zur damals wichtigsten österreichischen Jazzband, der «Two Sounds Band» von Fatty George. Nachdem er sich erfolgreich um ein Stipendium an der Berklee School in Boston beworben hatte, reiste er per Bahn und Schiff im Januar 1959 für zunächst nur vier Monate und mit 800 Dollar in die USA. Er ging mit dem festen Vorsatz in die USA, nicht mehr (dauerhaft) nach Europa zurückzukehren.[15] Tatsächlich hielt er diesem Erfolgsdruck nicht nur stand, sondern konnte mit einer nahezu nahtlosen Serie von Engagements anschließen und sich weiterentwickeln. Noch am Abend seiner Ankunft in New York City ging er in einen Club und traf dort auf Wilbur Ware, Louis Hayes und jammte mit Charlie Mariano. Zwei Tage später rief der Impresario George Wein an, der für Ella Fitzgerald einen Pianisten als Liedbegleiter suchte. Zawinul nahm dankbar an und bewährte sich.[16] Wenige Tage danach (die Angaben schwanken von einer bis zu drei Wochen) wurde er als Pianist der Maynard Ferguson Band engagiert. Er brach die Ausbildung in Boston ab, zog um nach New York und spielte für acht Monate im Maynard-Ferguson-Orchestra. Ferguson beschaffte ihm die Aufenthaltserlaubnis (Green Card), die nach vier Monaten erforderlich worden war und die Arbeitserlaubnis bei der Gewerkschaft.[17] Zawinul fand sich erstaunlich schnell in der schwarzen Musiker-Community zurecht. Seine Offenheit beschränkte sich nicht nur auf das Zusammenspiel, sondern umfasste auch das gemeinsame Reisen und Wohnen mit seinen schwarzen Kollegen unter den Zumutungen der damaligen, sogenannten Rassentrennung in den USA. Dinah Washington engagierte ihn als Pianist, die ihn ihrem Publikum als „Joe Vienna“ vorstellte; Zawinul blieb bei ihr zwei Jahre lang. Miles Davis wurde auf ihn aufmerksam und lud ihn als Mitspieler in seine Band ein. Doch Zawinul lehnte ab, es sei noch nicht die richtige Zeit dafür[18] – und setzte hinzu, wenn es einmal so weit sei, dann würden sie beide Musikgeschichte schreiben. Davis war von seiner Absage nicht aufgebracht und respektierte seinen Standpunkt. 1962 heiratete Zawinul Maxine, die er im berühmten New Yorker Jazzclub Birdland kennengelernt hatte und die das erste schwarze Playboy-Modell gewesen war; ihr Trauzeuge war Cannonball Adderley. Von 1961 bis 1970 spielte er im Quintett von Cannonball Adderley, Zawinul sprach nur in größter Verehrung über seinen Mentor, er sei der am meisten unterschätzte Musiker des 20. Jahrhunderts gewesen.[19] Nie hätte er ihn einen Fehler spielen hören. Immer, wenn manchmal Kritik von Schwarzen aufkam, dass ein Weißer in seiner Gruppe spielte, konterte dieser: „Bringt mir einen, der so spielen kann wie Joe, dann engagiere ich ihn sofort!“ [20] Für dessen Band komponierte er nahezu sechzig Stücke. 1966 hatte er seinen ersten großen Hit „Mercy, Mercy, Mercy“, entwickelt aus einer Begleitfigur eines Songs für Dinah Washington. Er spielte erstmalig für eine Aufnahme auf einem elektrischen Piano, einem Wurlitzer Electric Piano, in der LP-Version ist es ein Fender Rhodes. Über eine Million Singles wurden davon verkauft und es ist bis heute die meistverkaufte Jazzaufnahme. Miles Davis war so sehr von dem warmen Klang angetan, dass er eine Woche nach der Veröffentlichung seinem Bandmitglied Herbie Hancock auch ein E-Piano kaufte.[15] Weitere Hits waren „Country Preacher“ und „Walk Tall“ (1969), die er anlässlich eines Wohltätigkeitsgottesdienstes von Reverend Jesse Jackson für das von Martin Luther King gegründete Stipendiatenprogramm «Operation Breadbasket» komponiert hatte.[21] Ende der 1960er Jahre trat das Cannonball Adderley-Quintett mehrfach als Vorgruppe von englischen Supergroups des Rock ’n’ Rolls wie The Who auf. Dieses System des sogenannten double billings wurde wegbereitend für die sich anbahnende Fusion von Jazzmusik und Rock.[15] Electric JazzJazzhistoriker bezeichnen als eine entscheidende Phase in der Entwicklung des Fusion-Stils die Zusammenarbeit Zawinuls mit Miles Davis 1969/70. Die bahnbrechende LP war „In a Silent Way“ (1969). Zawinul komponierte das Titelstück,[18] Davis änderte nur ein paar Akkorde und führte es unter eigenem Namen auf.[22] Das Album «Bitches Brew» (1970) knüpfte an seinen Vorgänger an und erweiterte den Raum für freie Improvisation. Im November 1970 in New York gründete Zawinul dann zusammen mit dem Saxophonisten Wayne Shorter und dem Bassisten Miroslav Vitouš die legendäre Jazz-Rock-Formation Weather Report. Der Einsatz von Percussion zusätzlich zum Schlagzeug förderte die Dynamik und das Spielen komplexer Polyrhythmen. Zawinul löste sich vom alten 32-Takte-System, brach mit dem Thema-Solo-Thema-Schema und führte neue Formen ein. 1976 übernahm dann den Bass bis 1982 Jaco Pastorius, dieser Zeitabschnitt gilt als die Hochphase der Gruppe.[23] Bis 1985 feierte die Band «Weather Report» ihre größten kommerziellen Erfolge, unter anderem 1977 mit dem von Zawinul komponierten Welthit Birdland. Die eingängige, aber sehr schwierig zu spielende Komposition wurde in drei Versionen von Weather Report, Manhattan Transfer (Extensions, 1980) und Quincy Jones (Back on the Block, 1989) mit je einem Grammy ausgezeichnet. Zawinuls Musik mit Weather Report war tatsächlich ein Erfolg auf der ganzen Welt; besonders afrikanische Zuhörer liebten diesen Sound. Sein Intro zu dem Stück «Black Market» war mehr als 20 Jahre lang die Erkennungsmelodie von «Radio Dakar» im Senegal.[24] Weather Report-Platten machten als raubkopierte Kassetten die Runde und beeinflussten eine ganze Generation von afrikanischen Musikern. Seine späteren afrikanischen Bandmitglieder im «Zawinul Syndicate» baten ihn darum, mitspielen zu können – wegen ihrer Wertschätzung der Musik von Weather Report.[25] World JazzSeit den 1990er Jahren entwickelte Zawinul mit seinem Ensemble, dem Zawinul Syndicate einen unverkennbaren Stil, der die Grenzen zwischen Jazz, Welt- und Tanzmusik auflöste. Nach eigenen Angaben hat er den Hip-Hop-Beat kreiert (nicht zu verwechseln mit Hip-Hop an sich); die Stücke 125th Street Congress und Boogie Woogie Waltz auf dem Weather-Report-Album Sweetnighter (1973) wurde von „50 oder 60 verschiedene[n] Rap-Gruppen“ als Grundlage für ihren Rap übernommen.[24] 1991 produzierte, arrangierte und spielte er die Aufnahmen des Konzeptalbums «Amen» für den malischen Sänger Salif Keïta. Begleiter waren unter anderem Carlos Santana und Wayne Shorter. Miles Davis, der auch in Malibu wohnte, sagte Zawinul zunächst zu, bestand dann jedoch auf einer höheren Gage. In Frankreich wählte man das Album zur besten Weltmusikplatte aller Zeiten.[24] Zwischen 1992 und 1996 nahm er mit 35 Musikern aus der ganzen Welt das Album «My People» auf. Musikalische Einflüsse aus Afrika, der Karibik, Südamerika, Europa, dem Nahen Osten und den USA verbindet darin Zawinul zu einer universellen Musiksprache wie noch nie zuvor gehört. ProjekteImmer auf der Suche nach neuen Herausforderungen stellte sich Zawinul in seinen beiden letzten Jahrzehnten sehr unterschiedlichen Aufgaben. 1993 führte er anlässlich des Brucknerfestes in Linz bei der alljährlichen Open-Air-Veranstaltung Linzer Klangwolke mit einer Licht- und Laserschau seine erste Sinfonie «Stories of the Danube – Donaugeschichten» vor 80.000 Zuschauern auf. 1998 bat er seinen Schulfreund und damaligen Bundespräsidenten Thomas Klestil um eine offizielle Unterstützung für ein ehrenamtliches Engagement in Afrika. Klestil ernannte ihn daraufhin zum österreichischen Kulturbotschafter („Good Will Ambassador For The Southern African Countries“).[26]
«Joe Zawinul’s Birdland» im Wiener Hotel Hilton, 360°-Panoramafoto
Das österreichische KZ Mauthausen wurde zum Thema einer Klangcollage mit O-Tönen verbunden mit einer eigenen Komposition, die mit dem Rezitator und Burgschauspieler Frank Hoffmann am 8. August 1998 im dortigen Steinbruch vor 9.000 Menschen uraufgeführt wurde.[27] Beim letzten Stück der Aufführung nahm das Publikum brennende Kerzen in die Hand, schwieg und applaudierte nicht, als der letzte Ton verklungen war.[7] 2004 eröffnete Zawinul in seinem Wiener Heimatbezirk den Jazz- und Musikclub „Birdland“ im Souterrain des Hilton Hotels. Er benannte es nach dem berühmten New Yorker Birdland, der von 1949 bis 1965 einer der beliebtesten Jazzclubs war und den er als den wichtigsten Ort seines Lebens bezeichnete.[28] Die Suche nach einer geeigneten Lokalität für das Spielen von Jazzmusik zog sich bereits 10 Jahre hin.[29] Wegen des unrealistischen Konzepts geriet der Club schnell in finanzielle Schwierigkeiten. Mit einem verbesserten Angebot und Unterstützung durch die Kulturabteilung der Stadt Wien konnte dem Club über diese erste Hürde hinweggeholfen werden.[30] 2005 gründete er sein eigenes Label BirdJAM (BHM Music). Am 11. August 2008 wurde das Konkursverfahren für das Birdland eröffnet. Da die Gespräche mit möglichen Investoren ergebnislos blieben, wurde der Jazzclub geschlossen.[31] FamilieSeit Ende 1960er Jahre flog Zawinul fünf- bis sechsmal pro Jahr nach Wien zu seinen Eltern und Freunden.[32] Um die Jahrtausendwende zog er wieder von New York zurück nach Kalifornien, Big Rock, Malibu, Santa Monica, einem Haus mit Tonstudio und Blick auf den Pazifik. Die Familie wohnte seit 1972 in Pasadena und später Malibu, bis ein Buschfeuer im Herbst 1993 beinahe sein Haus mit seinen Aufnahmen vernichtet hätte.[33] Sein Sohn Ivan (* 1969) arbeitete mit ihm in seinen letzten 15 Jahren als Tontechniker und Koproduzent seiner Aufnahmen zusammen. Am 7. August 2007, eine Woche nach seiner sechswöchigen Europatournee, wurde Zawinul ins Wiener Wilhelminenspital eingeliefert wegen einer seltenen Hautkrebserkrankung,[34] dem Merkelzellkarzinom.[35] Am 11. September 2007 um 4:55 Uhr verstarb der Musiker im Alter von 75 Jahren. Joe Zawinul hinterlässt drei Söhne, Erich, Ivan und Anthony und deren Familien. Seine Ehefrau Maxine war nur wenige Wochen vor ihm am 26. Juli 2007 gestorben. Wiens Bürgermeister Michael Häupl veranlasste, dass ihm ein Ehrengrab der Stadt Wien auf dem Zentralfriedhof zugewiesen wurde. In einer Trauerfeier, die von seinen Weggefährten musikalisch begleitet wurde,[36] konnte die Öffentlichkeit am 25. September 2007 Abschied nehmen.[37] Die Einäscherung und Beisetzung erfolgte wenige Tage später im engsten Familienkreis. Die Urnen mit der Asche Joe Zawinuls und seiner Frau Maxine ruhen nun unweit der Präsidentengruft im Grab Nr. 39 der Gruppe 33G.[38] Das Grab ist neben jenem der Burgschauspielerin Gusti Wolf gelegen und zwei Gehminuten von den Gräbern Beethovens und Brahms' entfernt. In einem Gespräch mit Gunther Baumann (2002) schlug der Künstler die folgende Inschrift für seinen Grabstein vor: Joe Zawinul. Er war ein ehrlicher Mensch. A decent human being. [39] [40] Auf dem Grab steht vorerst nur ein schlichtes Holzkreuz mit der Inschrift: Joe Zawinul 1932 - 2007. Maxine Zawinul 1941 - 2007. Zawinuls KlangweltDie Kommentare zu Zawinuls Musik und seine Bemerkungen dazu kommen immer wieder darauf zurück, dass es Zawinuls erste musikalische Eindrücke waren, die seinen eigenen Sound geprägt haben. Häufig genannt werden die Melodik der mitteleuropäischen Volksmusik, der Rhythmus der menschlichen Stimme und der kompakte, flächige Klang des Akkordeons. Von seinen Eltern stets dazu ermuntert, wollte Zawinul jeden Tag etwas mehr hinzulernen [41] und tat dies neben dem Boxen vor allem in der Jazzmusik. Bis 1965 durchlief sein Lernpensum das gesamte Spektrum der tonangebenden Stile und Spieltechniken des Jazz. Zunächst beeindruckte ihn am meisten die raffinierte und elegante Unterhaltungsmusik der Big Band von Duke Ellington.[42] Gute Musik war für ihn immer eine gekonnte Mischung aus Einfachheit und Raffinesse. Dieses Qualitätsmerkmal erfüllte und demonstrierte auf ideale Weise für ihn das Klavierspiel seines Idols George Shearing [4] und Miles Davis' Cool Jazz-Einspielung Birth of the Cool. Bald merkte er, dass er dank seines Talents nichts mehr in der österreichischen Jazzszene lernen konnte. Der Weggang in die USA, hin zu den Quellen des Jazz, verdankte sich neben seinem sehr starken Willen („stubbornness“)[18] auch seiner radikalen Neugierde und Konsequenz zum Weiterlernen. 1965 wurde ihm plötzlich bewusst, dass er „ausgelernt“ hatte, denn einer der vorherigen Pianisten von Cannonball Adderleys Quintett, Barry Harris, gratulierte ihm, dass er nun genauso klinge wie er selbst. Zawinul wusste, dass dieser wiederum genau wie Bud Powell spielte. „Ich kopierte perfekt denjenigen, der am perfektesten Bud Powell kopierte!“ [4] „I realized I was the third copier on the list. I went home, put all my records together and they’re still the same way. That was 1965.“ [43] Von diesem Tag an legte er seine Platten weg und hörte sich keine andere Musik mehr an (mit Ausnahme von Demokassetten von Bewerbern für seine Bands und Projekte). Zawinul wurde nachdenklich, er hatte noch keinen eigenen Sound und forschte von da an nur noch in sich selbst nach neuen Klangideen. Als er merkte, dass er im Komponieren schneller war als im Notieren, nahm er zunächst seine Improvisationen auf und notierte sie erst danach. Bis zu 20 Stücke fielen ihm am Tag ein [44] und in einem seiner letzten Interviews äußerte er, mittlerweile Material für zwanzig Jahre oder 13 Platten komponiert zu haben.[45] Zunächst wechselten seine Kompositionen vom Hard Bop zum Soul Jazz, das bekannteste Zeugnis dieser Neuorientierung war das Stück „Mercy, Mercy, Mercy“ (1966), das zu einer Referenzaufnahme des Soul Jazz wurde. Er artikulierte damit seine Suche nach eingängigen, singbaren Melodien, die gleichwohl nicht einfach zu spielen sind. Zawinuls Kompositionen orientierten sich nun in der Melodik strikt am Liedgesang. Zuvor schon wurde er für den Rhythmus seiner Basslinien gelobt, die intuitiv dem Sprechrhythmus der menschlichen Stimme nachgebildet waren: „Unser Wiener Dialekt ist ja sehr nah bei einer walking bass line. Miles sagte auch: «Nobody can write bass lines like you.»“[4] Später erklärte er: „Den Spirit fremder Länder kriege ich vom Zuhören, vom Reden, von den Dialekten.“[46] Auch in der Tongebung verschiedener E-Pianos und Synthesizer und in der Phrasierung der melodischen Läufe oder Riffs bevorzugte er einen natürlichen, menschlichen Klang. «Spiele elektrisch, klinge akustisch» war eine der Umschreibungen dieser Klangvorstellung. Trotz der Elektrifizierung seiner Instrumente wurde seine Musik menschlicher und zugleich multikultureller: „Ich wollte eine Musik, die ich für meine Eltern spielen kann, aber möglicherweise auch in Harlem. Durch dieses Forschen habe ich das Menschliche in mir selbst gefunden.“[24] Die Vielzahl seiner Keyboards diente ihm dazu, stets mehrere Register dafür parat zu haben.[4] Die Hinwendung zur ethnischen Musik bei Weather Report und besonders beim Zawinul Syndicate war auch eine Erweiterung des volksmusikalischen Melodienrepertoires. Hinzu kamen eine stetig zunehmende Komplexität in der Rhythmisierung und Raffinesse in den Klangfarben und -texturen.[47] Zawinuls „Global Music“ wurde daher als eine intelligente Erweiterung und Synthese von Volksmusik und Rhythmen der ganzen Welt auf höchstem Niveau gewürdigt.[48] Auszeichnungen und Ehrungen
Aufnahmen (Auswahl)als Bandleader (einschließlich Weather Report und The Zawinul Syndicate)
als Begleiter
Siehe auch: Diskographie von Joe Zawinul Zitate„Aber am Tisch saßen halt immer so viele Leute, dass nie genug da war. Samstags fanden sich alle in der Küche ein, der Großvater brannte Schnaps, und alle haben Gstanzln gesungen. Ich habe sehr zeitig einen starken Rhythmus entwickelt. Wenn all die Leute zusammen singen, hat jeder den Drang, ein bisschen schneller zu werden. Die hatten ein furchtbares Timing, und ich musste alles [auf dem Akkordeon] zusammenhalten, das ganze Gesindel, musikalisch gesprochen. Irgendwie ist das wohl mit ein Grund, dass aus mir einmal ein Leader werden sollte.“ – Joe Zawinul, 2006 [4] „Für mich steht der Groove an erster Stelle. Ohne ihn spiele ich gar nicht erst.“ – Joe Zawinul [51] „It ain’t white, it ain’t black, but it grooves harder than anything. […] Nobody can write bass lines like you.“ – Miles Davis zu Zawinul [4] „My perception was that Joe is the ultimate serious musician. If you look at the Weather Report album covers, he’s always standing there scowling at the camera. He lets you know by his demeanor that ‚I’m a serious musician, composer and man.‘ And that’s true, but it's a paradox because he's one of the funniest people I’ve ever worked with. He’s very lighthearted, enjoys sports, card games and a good drink of Slivovitz. He has a very youthful spirit while also being a sagacious, wise old man.“ – Gerald Veasley, 1997, spielte als Bassist mit Zawinul von 1988 bis 1992 [19] „Ich habe noch gespielt während der Rassentrennung, ich war immer der einzige Weiße mit de[n] Schwarzen, habe immer gewohnt mit den schwarzen Familien und wirklich kennengelernt die Wirklichkeit, die Menschlichkeit, die Intelligenz und die ‚sophistication‘ der Schwarzen, ich habe Tonnen um Tonnen gelernt von diesen Leuten, und ich habe immer nach dem Prinzip gelebt, in eine Band reinzukommen und der Schwächste zu sein und rauszukommen als Stärkster.“ – Joe Zawinul [52] „Der Jazz ist kein Entertainment mehr. Die Buben kommen aus den Akademien, aus den Schulen. Die neuen Jungs können zwar sehr gut spielen, aber sie haben vergessen, daß Musik auch Unterhaltung sein muß. Deshalb geht es mit dem Jazz bergab.“ – Joe Zawinul, 1996 [53] „Meine Musik ist kompliziert zu spielen, aber einfach zu hören. Das ist das Geheimnis. Cannonball Adderley once told me: „You write such difficult music, but when you play it - it's clear.“ “ – Joe Zawinul, 2003 [24] Filmographie
Quellen
Literatur
WeblinksFach- und Presseartikel
Videos und Bilder
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