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Karl Wilhelm Julius Hugo Riemann (* 18. Juli 1849 in Groß-Mehlra bei Sondershausen (Thüringen); † 10. Juli 1919 in Leipzig) war ein deutscher Musiktheoretiker, Musikhistoriker, Musikpädagoge und Musiklexikograph.
LebenJugendSeine erste musikalische Ausbildung erhielt Hugo Riemann von seinem Vater, dem Rittergutsbesitzer und Oberamtmann Robert Riemann, der ein Musikliebhaber war und von dem in Sondershausen einige Lieder, Chorstücke und die Oper Bianca Siffredi aufgeführt wurden. Sein erster Theorielehrer war der Sondershausener Kapellmeister Heinrich Frankenberger. Außerdem erhielt er bei August Bartel, Hartleb und dem Liszt-Schüler Theodor Ratzenberger Unterricht. Riemann besuchte das Gymnasium in Sondershausen und Arnstadt und die Klosterschule in Roßleben, wo er eine fundierte wissenschaftliche Geistesbildung mit dem Wissen der klassischen Sprachen und Literaturen erlangte. 1868 legte Hugo Riemann am Gymnasium in Arnstadt seine Reifeprüfung ab. Nach abgeschlossenem humanistischen Schulbesuch und seiner Kenntnisse im musikalischen Bereich, als auch seiner Ausbildung auf dem Piano, sah Riemann seine berufliche Zukunft als Schriftsteller oder Komponist. StudienzeitRiemann studierte ab 1868 in Berlin Jura, Germanistik und Geschichte. Von dem Kulturhistoriker Wilhelm Scherer erhielt Riemann den wichtigen Impuls, sich der kunstwissenschaftlichen Arbeit zu widmen. Er setzte sein Studium 1869 in Tübingen mit den Fächern Philosophie bei Christoph von Sigwart, Geschichte bei Julius Weizsäcker, Kunstgeschichte bei B. von Kugler und Ästhetik bei Karl Reinhold Köstlin fort. Riemann lernte in Tübingen zwei für ihn prägende grundlegende Bücher kennen, das System der Harmonik von Moritz Hauptmann und Helmholtz` Lehre von den Tonempfindungen. Schon seit seinem neunten Lebensjahr widmete sich Riemann der Poesie. Jedoch scheiterte der Versuch, einen zweibändigen Gedichtband bei Cotta zu veröffentlichen. 1870 erschienen erste stark theoretisch angelegte musikschriftstellerische Arbeiten über Richard Wagner und Gaspare Spontini, die unter Pseudonym in der Neuen Zeitschrift für Musik veröffentlicht wurden, denen 1872 weitere Artikel im Bereich der Musiktheorie folgten, die unter dem Namen Hugibert Ries erschienen. Nach seiner Teilnahme am Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 entschied er sich ausschließlich für die Musik. Er studierte am Konservatorium und an der Universität in Leipzig unter anderem Musiktheorie bei Ernst Friedrich Richter, Komposition bei Carl Reinecke und Musikgeschichte bei Oskar Paul. In Leipzig wurde seine Dissertation von dem Hegelianer Oskar Paul abgelehnt. Noch im selben Jahr reichte Riemann die Dissertation Über das musikalische Hören an der Universität in Göttingen bei dem Philosophen Rudolf Hermann Lotze und dem Musikgelehrten Eduard Krüger ein und erhielt am 30. November 1873 die Göttinger philosophische Doktorwürde. Beruflicher Werdegang
Hugo Riemanns Grabstein auf dem Leipziger Südfriedhof
Ab 1874 wirkte Hugo Riemann als Klavierlehrer und Dirigent in Bielefeld, wo er auch Schriften zum Klavierunterricht, zur musikalischen Syntax und zur Harmonielehre veröffentlichte. Hier heiratete Riemann 1876 die aus einer Industriellenfamilie stammende Elisabeth Bertelsmann, mit der er 5 Kinder hatte. Unter dem Gutachter Philipp Spitta, der ihn auch in der Folgezeit versuchte zu fördern, habilitierte sich Riemann im Herbst 1878 an der Universität Leipzig mit den Studien zur Geschichte der Notenschrift. Eine berufliche Festigung und die damit angestrebte Hochschullaufbahn trat auch nach seiner Habilitation und seinen kompositorischen Projekten nicht ein. Daraufhin war Riemann 1880 kurz in Bromberg, dem heutigen Bydgoszcz in Polen tätig, wo er als Dirigent den gemischten Chor-Verein übernahm und auch als Musiklehrer arbeitete. Gleichzeitig war Riemann von 1878 bis 1880 Privatdozent in Leipzig. Riemann wirkte als Lehrer für sämtliche theoretische Fächer und das Klavierspiel von 1881 bis 1890 am Konservatorium in Hamburg, wo er unter anderem Johannes Brahms kennen lernte. Am fürstlichen Konservatorium in Sondershausen, an dem er im Jahr 1890 drei Monate beschäftigt war, wurde Max Reger sein Schüler, der ihm nach Wiesbaden folgte,wo Riemann die folgenden fünf Jahre bis 1895 als Klavier- und Theorielehrer am Konservatorium angestellt war. Hans Pfitzner nahm dort bei Riemann kurz Unterricht. Danach kehrte Riemann endgültig nach Leipzig zurück. 1901 wurde er zum außerordentlichen, 1905 zum planmäßigen Professor an der Universität Leipzig berufen. Schließlich wurde er 1908 Direktor des von ihm gegründeten musikwissenschaftlichen Instituts (Collegium musicum). 1911 wurde Riemann in Leipzig Honorarprofessor und schließlich 1914 Direktor des von ihm gegründeten "Staatlich sächsischen Forschungsinstituts für Musikwissenschaft". Riemann war Ehrenmitglied der Cäcilien-Akademie in Rom seit 1887, an der Königlichen Akademie in Florenz seit 1894 und der Musical Association in London seit 1900. Die Universität Edinburgh ernannte Riemann 1899 zum Ehrenprofessor. 1905 kam es erstmals zu Aufführungen von eigenen Bearbeitungen spätbarocker und klassischer Kammermusik des von ihm initiierten Collegium Musicum. Obwohl sich Riemann neben Leipzig auch in Berlin, Prag und Wien um einen musikwissenschaftlichen Lehrstuhl bemühte, blieb ein solcher Ruf aus, obwohl sich in Berlin sogar Hermann Kretzschmar für ihn einsetzte, der Riemann anfangs persönlich und sachlich stark ablehnte. Anlässlich seines 60.Geburtstages 1909 wurde Riemann eine Festschrift seiner Schüler überreicht, zu denen Musikforscher, als auch Interpreten gehörten. Seine kompositorischen Tätigkeiten reduzierte Riemann ab 1903 stark, jedoch blieb sein schriftstellerisches und editorisches Schaffen lange Zeit konstant. In seinen letzten Lebensjahren war Riemann aufgrund zweier erlittener Schlaganfälle auf den Rollstuhl angewiesen und verstarb mit 69 Jahren. WissenswertesArbeitsproduktivitätBis 1905 musste Riemann, um seine Familie finanziell zu versorgen, neben den geringen Einkommen aus seinen Lehrtätigkeiten, auch als privater Klavier-, Gesangs- und Theorielehrer arbeiten. Außerdem gab es von Riemann zahlreiche und breitgefächerte Publikationen in Form von Besprechungen, Miszellen, Glossen, Lexikonartikeln, Musikführern, Bearbeitungen und Übersetzungen musikwissenschaftlicher Schriften anderer Autoren und Musikeditionen. Diese mengenmäßig beispiellose Produktivität ist heute nicht mehr exakt rekonstruierbar. Sie war durch einen 18stündigen Arbeitstag möglich, der morgens um 4 begann und von Riemann eine hohe Selbstdisziplin verlangte, die ihn in die Rolle eines Außenseiters brachte und eine Lebensferne bedeutete, die ihm eine akademische Laufbahn verwehrte. Durch eine exakte Geschichtsbetrachtung des Fachs kompensierte Riemann dies und darüber hinaus durch seine humorvoll sarkastische Kommentierung seiner Idiosynkrasien. Riemann veröffentlichte 1898 beispielsweise ein fiktives mittelalterliches Traktat inklusive pseudowissenschaftlichem Kommentar. LehrmethodeHugo Riemann vertrat eine qualitativ anspruchsvolle musikalische Unterrichtsauffassung. Er verstand den Klavierunterricht als Klaviererziehung. Neben der reinen Spieltechnik umfasste der Klavierunterricht auch Gehörbildung, Satzlehre, Phrasierung und die Ausbildung des Sinnes für polyphones Spiel. Riemanns Kompositionsunterricht setzte bei der Analyse von Meisterwerken an. Dem folgten fortschreitende Versuche beim Nachahmen idealer Vorbilder und schließlich die Übung und Entfaltung des musikalischen Vorstellungsvermögens, also der schöpferischen Phantasie. NachlassDer Nachlass von Hugo Riemann verblieb größtenteils in Familienbesitz. Durch einen Luftangriff 1943 wurde dieser jedoch zerstört. Lediglich Teile von Riemanns Korrespondenz, sowie persönliche Aufzeichnungen seines ältesten Sohnes, dem Literaturhistoriker Robert Riemann, sind erhalten geblieben. BedeutungHugo Riemann gehört zu den markantesten und bedeutendsten Persönlichkeiten unter den Musikwissenschaftlern. Seine größten Verdienste hat er errungen auf dem Gebiet der Musiktheorie, die er von Grund auf erneuerte. Obwohl für ihn selbst insgeheim der Wiener klassische Stil die Grundlage der Musik war, war er trotzdem dem Neuen aufgeschlossen. Er sah in allem Neuen mit seinen eigenen Theorien zur Harmonik und Metrik, dass hier alles auf Erkenntnissen der phänomenologischen Psychologie seiner Zeit beruhte. Auch auf dem Gebiet der Musikgeschichte war er wegweisend, gab er ihr doch in umfassender Weise ihre stilkundliche Orientierung. Zu fast allen Bereichen der Musikwissenschaft hat er wesentliche Beiträge geliefert. Das Musiklexikon ("Der Riemann"), Riemanns wohl bekanntestes Werk, hat bis heute seinen herausragenden Platz behalten. Er hat auch Artikel für Meyers Konversationslexikon geschrieben. Mit seiner dem harmonischen Dualismus verpflichteten Theorie der "Funktionen" legte Riemann den Grundbegriff der heutigen Harmonielehre. In abgewandelter Form wird sie heute noch an allen musikalischen Ausbildungsstätten gelehrt. Viele musikalische Fachbegriffe in seinen Abhandlungen gehören heute zum fachlichen Sprachschatz, wie zum Beispiel "Agogik", "Motiv" oder "Phrasierung". Zu Hugo Riemanns Schülern zählen die Komponisten Max Reger (1873-1916), Hans Pfitzner (1869-1949) und Walter Niemann (1876-1953), sowie die Musikwissenschaftler Friedrich Blume, Hans Joachim Moser, Wilibald Gurlitt (1891-1963), Gustav Becking und Rudolf Steglich. WerkeBücher und Schriften
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