|
Article on other languages: |
Das Cuarteto ist eine urbane Popmusik-Spielform, die sich in den 1940er- bis 1960er-Jahren in der argentinischen Millionenstadt Córdoba entwickelt hat. Heute ist um die Musikrichtung eine bedeutende Jugendkultur entstanden.
BedeutungDas Cuarteto ist einer der Pfeiler der populären Kultur in der Stadt Córdoba sowie ihres Umlandes. Es wird oft als wichtig für die lokale kulturelle Identität von Stadt und Region beschrieben. Daneben ist es in der letzten Zeit auch kommerziell bedeutend geworden: Die "Bailes", wie die Cuarteto-Veranstaltungen genannt werden, sind heute Massenveranstaltungen mit meist Tausenden Gästen, die in Córdoba fast an jedem Tag der Woche stattfinden. Dort spielt eine und dieselbe Band oft durchgängig vier bis fünf Stunden lang. Sie werden vor allem von der Jugend der Arbeiterklasse und aus den Slums besucht. Cuarteto ist seit den 1990er-Jahren auch Bestandteil der Bailanta-Szene der Stadt Buenos Aires, die auch música tropical genannt wird und ansonsten hauptsächlich die lokalen Varianten der kolumbianischen Cumbia umfasst. Seit dieser Zeit ist das Cuarteto auch im gesamten Süden Südamerikas beliebt. Musikalische MerkmaleDas Cuarteto basiert auf einem schnellen Tanzrhythmus im Vier-Viertel-Takt. Ursprünglich bestand die Besetzung aus Kontrabass, Klavier, Geige und Akkordeon - daher auch der Name Cuarteto (span. für Quartett). Heute wurden weitere Instrumente wie Gitarre, Bläser, Synthesizer und ein reichhaltiges Percussion-Arsenal in die Musik integriert. Der Tanz ist ein Paartanz, dessen Figuren auf einem gleichmäßigen Trippelschritt mit Hüftschwung basieren. GrundrhythmusDer Rhythmus des Cuarteto ist im Vier-Viertel-Takt gehalten und hat eine Geschwindigkeit von 130-180 bpm. Zählzeit 1---I---2---I---3---I---4---I--- ============================================= Kick x x x x Conga tief x x Conga hoch x x x x Maracas x x x x InstrumentalgerüstAls Basis des Cuarteto kann man den Basslauf bezeichnen, der auf jedem Viertel Staccato gespielt wird, meist handelt es sich um sich wiederholende Quarten oder Quinten. Als Variation wird entweder die letzte Viertel eines Takts mit der ersten des nächsten Takts Legato zusammengebunden, oder ein Muster aus einer doppelt punktierten Halben und einer Achtel am Taktende gespielt. Auch ein Einfluss aus der Cumbia ist in die Bassfigur des Cuartetos eingeflossen: das Muster Viertel - Achtel - punktierte Viertel - Achtel, das dem Rhythmus mehr Dynamik beschert. Über dem Basslauf findet man das typische Klavier-Riff, im modernen Cuarteto meist durch einen klavierähnlichen Keyboardsound ersetzt. Es besteht aus einem Basston auf jeder ganzen und einem harmonisch dazu passenden Dreiklang auf jeder halben Zählzeit. Das Riff wird daher auch tunga-tunga genannt. Das häufigste Melodieinstrument ist das Akkordeon, das die Gesangslinie oft echohaft nachahmt oder ansonsten eine harmonisch dazu passende Unterfigur spielt. Eine ähnliche Funktion hat die umfangreiche Bläsersektion, vor allem im neueren Cuarteto Merenguero. Der Gesang schwankt im Cuarteto zwischen rein melodischen, liedhaften Linien und treibenden, ekstatischen Rufen und Sprechgesang, der dem Toasting im Ragga und Dancehall ähnelt. UntergenresEine Abwandlung des Stils sind die so genannten Comerciales, eine Mischung aus Cuarteto und traditioneller Popmusik. Comerciales sind langsamer als das traditionelle Cuarteto (meist 120–140 bpm) und haben weniger perkussive Elemente, dafür eine Rock-ähnliche Betonung der zweiten Viertel jedes Takts. Das Cuarteto Merenguero (auch Merengueto oder Merenteto) ist eine Mixtur aus Cuarteto und Merengue, das ab Mitte der 1990er-Jahre sehr populär unter den Bands Córdobas wurde. Der typische Basisrythmus des Cuarteto wird hier zeitweise durch die für den Merengue typischen komplexen Klavier-Riffs unterbrochen. Die Bedeutung der Bläser im Cuarteto Merenguero ist größer als die des Akkordeons. Dennoch ist der Stil deutlich vom normalen Merengue zu unterscheiden, was vor allem an den schnelleren, treiberenden, aber auch simpleren Rhythmusstruktur liegt. Geschichte"Erfunden" wurde das Cuarteto von der Band Cuarteto Leo, die im Jahr 1943 gegründet wurde. Die stilistischen Wurzeln des Tanzes liegen in Elementen diverser Tänze aus verschiedenen Ländern Europas, wobei am häufigsten der spanische Paso Doble und die italienische Tarantella genannt werden. "La Leo" dominierte die Szene bis weit in die 1970er-Jahre hinein. Anders als andere urbane Musikrichtungen entstand das Cuarteto nicht im Zentrum der Stadt Córdoba, sondern an der ärmlichen, ländlich geprägten Peripherie. Dort wurden ab den 1940er-Jahren die sogenannten bailes de campo (etwa: Land-Tanzbälle) organisiert, auf denen die neue Musikrichtung gespielt wurde. In dieser Anfangszeit wurden die Anhänger der neuen Musikrichtung, die fast ausnahmslos der Unterschicht angehörten, vom Rest der Bevölkerung Córdobas diskriminiert. Das Cuarteto galt als "cosa de negros", ein Begriff, mit dem Mittel- und Oberschicht bis heute verächtlich Gewohnheiten der Unterklasse (der "negros") bezeichnen. Dies änderte sich in den 1970er- und 1980er-Jahren mit Interpreten wie Carlos Jiménez, der bis heute Platten veröffentlicht und unter dem Künstlernamen La Mona zu einem Volksidol in der Stadt wurde. Er integrierte Elemente wie Humor und extravagante Mode in die Szene, die sozio-ökonomisch langsam heterogener wurde. Zwar sind bis heute die meisten Angehörigen der Cuarteto-Szene in den unteren Schichten zu finden, seit dieser Zeit gibt es aber auch Fans in der Mittel- und Oberschicht. Das Cuarteto begann sich in dieser Zeit auch gegenüber anderen Musikrichtungen zu öffnen: Angel Videla, bekannt als El Negro, und seine Band Chebere vermischten das Cuarteto mit dem Merengue aus der Dominikanischen Republik und begründete somit das Untergenre Cuarteto Merenguero, das heute die Cuarteto-Szene beinahe dominiert. Das Phänomen blieb jedoch zunächst auf die Stadt Córdoba und die Nordwestprovinzen Argentiniens beschränkt. Einen Popularitätsschub im ganzen Land erlangte das Cuarteto schließlich in den 1990er-Jahren, es verdankt ihn hauptsächlich neueren Interpreten wie Rodrigo und La Barra, die das Cuarteto außer mit Merengue auch oft mit Pop-Elementen mischten und elektronische Sounds integrierten. Rodrigo etablierte das Cuarteto endgültig auch in Buenos Aires und im Rest Argentiniens und war in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre zeitweise der am meisten im Radio gespielte Interpret Argentiniens bis über seinen Unfalltod im Jahr 2000 hinaus. Dennoch blieb das Epizentrum der Cuarteto-Bewegung immer die Provinz Córdoba und ihre Nachbarprovinzen La Rioja und Catamarca, in denen sich ebenfalls eine sehr zahlreiche Jugendkultur rund um die Musikrichtung gebildet hat. Mit der Etablierung des Stils in der argentinischen Szene begann der Sprung ins benachbarte Ausland. Seit Ende der 1990er Jahre gibt es Cuarteto-Hits auch in Bolivien, Chile, Uruguay und Paraguay. Der international wohl erfolgreichste Cuarteto-Titel war bisher Por lo que yo te quiero von Carlos Jiménez in der Version von Walter Olmos (veröffentlicht 2000), der auch den Weg auf deutsche Latin-Sampler fand. Trotzdem ist Cuarteto in Europa insgesamt eine wenig bekannte Musikrichtung. Ausnahme ist Italien, wo seit 2003 einige Einwanderer aus Argentinien, wie Rulo Spitale, Cuarteto-Bands gründeten. Cuarteto als KulturInsbesondere in der Stadt Córdoba selbst, aber auch im gesamten zentralen Nordwesten Argentiniens (neben Córdoba insbesondere in den Provinzen La Rioja, Tucumán und Catamarca) ist das Cuarteto eine bedeutende Jugendkultur, der bis zu 50 Prozent der Jugendlichen angehören. Diese versammeln sich oft an mehreren Tagen der Woche auf den Bailes de Cuarteto. Der Fankult um die jeweils erfolgreichen Sänger und Bands ist entsprechend groß, viel Geld wird mit Merchandising-Artikeln gemacht. Die meisten Angehörigen der Cuarteto-Jugendkultur - sie bezeichnen sich als cuarteteros oder negros cuarteteros, in Anspielung auf den hohen Indianer- und Mestizenanteil unter ihnen - stammen aus der Unterschicht und den Elendsvierteln der argentinischen Großstädte. Es gibt allerdings auch Ausnahmen, wie die quer durch die Gesellschaftsschichten beliebte Band La Barra und der landesweit anerkannte Sänger Carlos Jiménez zeigen. Viele sind schon seit Kindesbeinen Fans einer bestimmten Band oder mehrerer Bands und lernen die Tanzschritte schon im Kindergartenalter im Fernsehen, insbesondere im Kanal Suquía, in dem fast nur Cuarteto gespielt wird. Es gibt insbesondere in Mode und der sozio-ökonomischen Herkunft der Anhänger viele Überschneidungen mit den Cumbia-Fans aus Buenos Aires und Süd- beziehungsweise Ostargentinien. Nicht zur Cuarteto-Jugendkultur gerechnet werden diejenigen Gruppen, die in normalen Diskotheken neben anderen Musikrichtungen auch Cuarteto konsumieren - dies ist ebenfalls ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung. Beziehung zu gesellschaftlichen ThemenIn den Texten der Songs und dem allgemeinen Verhalten der Interpreten und Fans ist eine Grundhaltung erkennbar, die auf den Konzepten Freude, Feiern, Lokalpatriotismus, Solidarität, Humor und subtiler sexueller Liberalität aufgebaut ist. Cuarteto und SexualitätDie Haltung in Fragen der Sexualität ist bei einigen Bands etwas machistisch aufgebaut, jedoch viel weniger explizit sexistisch-frauenfeindlich als in Musikrichtungen wie Cumbia Villera oder auch dem brasilianischen Rio Funk beziehungsweise dem US-Gangsta-Rap. Vielmehr wird die Frau als Liebes- und Sexobjekt gleichermaßen verehrt, es werden ihre weiblichen Formen und andere Eigenschaften besungen. In einigen Texten werden Frauen jedoch durchaus auch als "willige Sexluder" dargestellt. Es fällt außerdem auf, dass es kaum Cuarteto-Sängerinnen gibt, die Texte also meist die Perspektive des Mannes darstellen. Cuarteto und PolitikIn Bezug auf Politik zeigen sich die meisten Bands und Fans unpolitisch, Protest-Texte wie etwa in der Cumbia Villera sind sehr selten. Die Bands tendieren sogar dazu, die Politik zugunsten des Feierns und der Freude komplett zu ignorieren. Oft findet man allerdings Aufforderungen zur Solidarität mit der Unterschicht, die jedoch fast immer unpolitisch vorgetragen werden. Ein wichtiges Thema im Cuarteto ist der Lokalpatriotismus, besonders im Fall von der Stadt Córdoba selbst. Viele Texte beschreiben die angeblichen positiven Qualitäten der Stadt, etwa ihre lebenslustigen Menschen, die schönen Frauen, das Nachtleben und die Natur in der Umgebung. Ein beliebter landesweiter Hit mit einem lokalpatriotischen Text wurde zum Beispiel Soy cordobés (deutsch:Ich bin aus Córdoba) von Rodrigo. Viele Texte handeln zudem von lokalen Themen, etwa von bestimmten Stadtvierteln, den lokalen Fußballvereinen Belgrano und Talleres oder nur Einheimischen bekannten Slangwörtern. Alkohol- und DrogenkonsumDie meisten Bands lehnen jeglichen Drogenkonsum in ihren Texten ab und stellen ihn eher als Krankheit dar. Dennoch ist bei vielen Fans der Konsum weicher Drogen wie Cannabis weit verbreitet; genommen wird aber auch Kokain und das stärkere, in der argentinischen Unterschicht verbreitete Paco (Basispaste von Kokain), das ähnlich wie Crack geraucht wird und eine starke Abhängigkeit zur Folge haben kann. Auf den Bailes wird zudem viel Alkohol konsumiert - neben Bier und Wein insbesondere fernet con coca (der Kräuterlikör Fernet Branca gemischt mit Cola), der zu einem Kultgetränk der Cuarteto-Szene geworden ist. Viele Cuarteto-Songtexte haben Alkoholkonsum auch als Thema, das bekannteste Beispiel ist Quien se ha tomado todo el vino von "La Mona" Jiménez. Cuarteto-ModeDie Modewellen, die das Cuarteto begleiteten, änderten sich von Zeit zu Zeit radikal. So waren die Bands und Sänger in der Anfangszeit vornehm gekleidet (Anzug, Krawatte, Bügelfaltenhosen), auch wenn die Fans aus der Unterschicht stammten und sich derartige Kleidung meist nicht leisten konnten. Die zweite Cuarteto-Welle zwischen 1970 und 1990, deren Protagonist Carlos Jiménez war, brachte das Element des Kitsches, des Glamours und des Humors ins Spiel. Die Bands und einige ihrer Fans waren ähnlich wie die Glamrocker mit Glitzerkleidung in auffälligen Farben und ausgefallenen Hüten bekleidet. Ebenfalls ausgefallen waren die Frisuren; gerade "La Mona" Jiménez ist bekannt für seine lange "Vokuhila"-Lockenmähne. Die dritte Welle ab den 1990er-Jahren, die bis heute anhält, brachte wieder einen völligen Modewechsel. Die Cuarteto-Bands frönen seitdem einen deutlich sichtbaren Körperkult, ihr Outfit ähnelt ansonsten bei Männern etwas der Hip-Hop-Bewegung: weite Hosen (z. B. Baggypants) werden begleitet von Muskelshirts und Jeansjacken im Winter. Mädchen und Frauen haben meist oft sehr knappe Miniröcke oder (oft weiße) Stretchjeans in Begleitung von farbigen Tops. Beliebt sind insbesondere bei Männern kurze Punk-Frisuren und rot oder blond gefärbte Haare. Häufig sind auch Tätowierungen, die oft einen Großteil des Körpers bedecken und manchmal die Namen, Logos oder Konterfeis der angebeteten Sänger und Bands tragen. Beziehungen zu anderen MusikrichtungenErst in neuerer Zeit, etwa seit 1990, findet ein Austausch zwischen der früher außer hin zu karibischen Musikrichtungen wie Merengue (cuarteto merenguero, s. o.) ziemlich abgeschotteten Cuarteto-Szene und anderen Musikstilen statt. Dies hängt mit der seit diesem Jahrzehnt besonders stark gestiegenden Popularität des Cuarteto in allen argentinischen Gesellschaftsschichten zusammen. Vielfältige Beziehungen gibt es inzwischen zur Rockmusik: so nahmen Bands wie Kapanga, Los Auténticos Decadentes und Los Caligaris in den 1990ern und 2000ern zahlreiche Songs auf, die beide Richtungen vermischen. Meist hören sich die Mischungen ähnlich wie Ska-Punk an, auch findet man Fusionen von Dancehall, Reggaeton und Reggae mit Cuarteto. Zur Popmusik hat die Cuarteto-Szene ebenfalls einen Berührungspunkt: die Mischform Comerciales (s. o.), die elektronischer und seichter als das eigentliche Cuarteto ist. Ebenfalls komponierten viele Cuarteto-Bands auch Pop-Balladen zum Auflockern ihrer Shows, die jedoch stilistisch wenig mit Cuarteto zu tun haben, sondern oft Songs der Stilrichtung Softrock im Stil der späten 1980er-Jahren sind. Eine wirkliche Fusion zwischen Cuarteto und Pop ist schon eher die sehr melodische Musik von Rodrigo, die sich stilistisch manchmal auch den Comerciales annähert. Seit etwa 1995 gibt es auch Einflüsse von Seiten der Cumbia, wobei eher die Cumbia Romántica als die Cumbia Villera Einzug in die Cuarteto-Szene gefunden hat. Fusionen von Cuarteto und elektronischer Tanzmusik gibt es bisher fast nur in Form von Dance-Remixen der Cuarteto-Hits, die oft in Diskotheken gespielt werden, auf Bailes jedoch verpönt sind. Cuarteto in den MedienIn den meisten landesweiten argentinischen Medien spielt Cuarteto besonders seit dem Tod des berühmten Sängers Rodrigo im Jahr 2000 eine untergeordnete Rolle. Dennoch treten einige Cuarteto-Bands auch bei nationalen Fernsehshows auf oder werden von den Hauptstadt-Zeitungen Clarín und La Nación interviewt, etwa wenn sie einen Sommerhit vorweisen können, was häufig vorkommt. Die Berichterstattung über das Cuarteto ist anders als etwa bei der Cumbia Villera, die von den Konservativen verachtet wird, meist positiv, da das Cuarteto in seiner unpolitischen Feierlaune wenig Angriffspunkte für Gegner bietet und zudem als argentinische Tradition angesehen wird. Ausnahme ist, wenn es bei einem Baile zu Ausschreitungen kommt, was nicht gerade selten ist - dann werden zum Teil Forderungen laut, die Bailes zu verbieten. In Córdoba selbst gibt es einen auf Cuarteto spezialisierten Fernsehsender (Suquía) der meist Aufzeichnungen diverser Bailes zeigt. Ebenfalls gibt es mehrere Radiosender, die nur Cuarteto spielen - einige wenige mischen Cuarteto- mit Cumbia- und Rockmusik-Programmen. Charakteristische Songs
Wichtige Bands und Interpreten:
Literatur
Weblinks |
This article is from Wikipedia. All text is available under the terms of the GNU Free Documentation License.